Die Frage klingt einfach: Darf man eine eigene Wikipedia-Seite erstellen — also einen Wikipedia-Eintrag über sich selbst schreiben? Die kurze Antwort: Es ist nicht verboten, aber Wikipedia rät ausdrücklich davon ab, und das aus guten Gründen. Dieser Beitrag erklärt ehrlich, was erlaubt ist, warum der Interessenkonflikt schwerer wiegt, als die meisten annehmen, wie ein Eigenversuch verantwortungsvoll aussehen kann — und welche Alternativen es gibt, wenn Sie das Risiko nicht selbst tragen möchten.
Dürfen Sie eine eigene Wikipedia-Seite erstellen?
Zunächst eine Begriffsklärung, weil hier oft zwei Dinge vermischt werden. Eine «eigene Seite» im Sinn eines Profils, das Sie besitzen und kontrollieren, gibt es auf Wikipedia nicht. Wikipedia ist eine Enzyklopädie: Ein Artikel über Sie gehört nicht Ihnen, sondern dem Projekt. Jeder darf ihn bearbeiten, Sie haben kein Vetorecht über den Inhalt, und er kann auch Kritisches enthalten, wenn Quellen es belegen. Wer eine Art LinkedIn-Profil mit dem Absender Wikipedia erwartet, geht von einer falschen Grundannahme aus.
Die eigentliche Frage lautet also: Dürfen Sie den Artikel über sich selbst anlegen? Ein technisches oder formales Verbot existiert nicht. Jeder kann ein Benutzerkonto registrieren und einen Artikel schreiben — auch über die eigene Person. Die Richtlinien der deutschsprachigen Wikipedia, insbesondere die Seiten zum Interessenkonflikt und zur Selbstdarstellung, raten jedoch unmissverständlich davon ab. Das ist keine Formalie, sondern gelebte Praxis: Artikel, die erkennbar vom Betroffenen selbst stammen, werden von der Gemeinschaft besonders kritisch geprüft und landen überdurchschnittlich oft in der Löschdiskussion.
Warum Wikipedia abrät: der Interessenkonflikt
Der Kern des Problems ist nicht böser Wille, sondern Perspektive. Wer über sich selbst schreibt, kennt die eigene Laufbahn besser als jeder andere — und genau das ist das Hindernis. Drei Mechanismen wirken zusammen:
- Gewichtung. Erfolge erscheinen wichtig, Rückschläge nebensächlich. Ein neutraler Autor würde beides nach der Quellenlage gewichten; der Betroffene gewichtet nach dem eigenen Erleben. Das Ergebnis liest sich wie eine Bewerbung, nicht wie ein Lexikonartikel.
- Sprache. Formulierungen wie «renommiert», «wegweisend» oder «einer der führenden» wirken für den Verfasser wie Tatsachenbeschreibungen, für die Wikipedia-Gemeinschaft wie Werbung. Solche Wertungen sind nur zulässig, wenn unabhängige Quellen sie ausdrücklich treffen — und selbst dann als Zitat, nicht als eigene Aussage des Artikels.
- Quellenwahl. Wer sich selbst beschreibt, greift naturgemäß zur eigenen Website, zu Pressemitteilungen und Interviews. Genau diese Quellen zählen auf Wikipedia am wenigsten. Verlangt werden unabhängige Sekundärquellen — was zählt, ist nicht, was Sie über sich sagen, sondern was Dritte über Sie geschrieben haben.
Hinzu kommt ein struktureller Punkt: Ein Artikel über die eigene Person bleibt dauerhaft mit dem Konto verknüpft, das ihn angelegt hat. Wird der Interessenkonflikt später erkannt — und die Gemeinschaft ist darin geübt —, färbt das auf die Glaubwürdigkeit des Artikels ab, selbst wenn der Inhalt korrekt ist.
Wenn Sie es dennoch tun: fünf Regeln für einen verantwortungsvollen Eigenversuch
Es gibt Konstellationen, in denen ein Eigenversuch vertretbar ist — etwa wenn die Relevanz eindeutig ist und Sie bereit sind, sich ernsthaft in die Regeln einzuarbeiten. Dann gilt:
- Relevanz zuerst prüfen. Bevor Sie ein Wort schreiben, prüfen Sie nüchtern, ob Sie die Relevanzkriterien erfüllen. Der Maßstab ist nicht Ihre Leistung, sondern die dokumentierte Wahrnehmung durch unabhängige Medien und Fachliteratur. Die deutschsprachige Wikipedia bietet dafür auch den Relevanzcheck an, bei dem erfahrene Autoren vorab eine Einschätzung geben.
- Interessenkonflikt offenlegen. Machen Sie auf Ihrer Benutzerseite transparent, dass Sie über sich selbst schreiben. Verdeckt zu arbeiten ist der schwerste Fehler: Wird es entdeckt, steht nicht mehr der Inhalt zur Debatte, sondern Ihre Glaubwürdigkeit. Beachten Sie außerdem die Offenlegungspflicht der Wikimedia-Nutzungsbedingungen: Wer gegen Vergütung schreibt — auch als Mitarbeiter im Auftrag des Arbeitgebers —, muss Auftraggeber und Zugehörigkeit offenlegen.
- Als Entwurf beginnen. Legen Sie den Text zunächst im Benutzernamensraum oder als Entwurf an, statt ihn direkt in den Artikelnamensraum zu stellen. So können erfahrene Autoren den Text prüfen, bevor er der vollen Eingangskontrolle ausgesetzt ist — und Schwächen kosten Sie keine öffentliche Löschdiskussion.
- Nur belegte, neutrale Aussagen. Jede wesentliche Aussage braucht einen Einzelnachweis aus einer unabhängigen Quelle. Streichen Sie alles, was Sie nicht belegen können, und jede Formulierung, die ein Fremder als Eigenlob lesen könnte. Im Zweifel: kürzen.
- Mit Kontrollverlust rechnen. Nach der Veröffentlichung gehört der Artikel der Gemeinschaft. Andere werden ihn ändern, kürzen oder ergänzen — auch um Inhalte, die Ihnen nicht gefallen. Wer damit nicht leben kann, sollte keinen Wikipedia-Artikel anstreben.
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Vertrauliche Prüfung anfordernSonderfall: Es gibt bereits einen Artikel über Sie
Ein verwandtes Szenario verdient einen eigenen Absatz: Über Sie existiert bereits ein Wikipedia-Artikel, und Sie möchten ihn korrigieren oder ergänzen. Auch hier gilt der Interessenkonflikt — mit einer wichtigen Nuance. Unstrittige Sachkorrekturen, etwa ein falsches Geburtsjahr oder eine veraltete Funktionsbezeichnung, dürfen Sie mit Beleg selbst richtigstellen; die Gemeinschaft akzeptiert das in der Regel. Bei allem, was darüber hinausgeht — Streichung kritischer Passagen, Ergänzung von Erfolgen, Umformulierungen im eigenen Sinn —, ist der bessere Weg die Diskussionsseite des Artikels: Legen Sie dort offen, wer Sie sind, benennen Sie den Punkt und die Quelle, und überlassen Sie die Umsetzung unbeteiligten Autoren. Direkte Eingriffe in den Artikel über die eigene Person werden schnell zurückgesetzt und hinterlassen in der Versionsgeschichte einen sichtbaren Konflikt, der dem Artikel und Ihrem Ansehen mehr schadet als die ursprüngliche Passage.
Was passiert, wenn es schiefgeht
Das realistische Scheiterszenario ist nicht Stille, sondern Öffentlichkeit. Ein Artikel, der die Eingangskontrolle nicht besteht, durchläuft eine Löschdiskussion — eine öffentliche Debatte über die Frage, ob Sie enzyklopädisch relevant sind, dauerhaft einsehbar und über Suchmaschinen auffindbar. Für eine Privatperson ist das unangenehm; für eine Führungskraft oder öffentliche Person ist es ein Reputationsrisiko, das der Artikel eigentlich verringern sollte. Hinzu kommt: Wikipedia-Autoren prüfen bei jedem neuen Artikel die Löschhistorie. Ein gescheiterter Eigenversuch macht den zweiten Anlauf messbar schwerer, auch wenn er später von Profis unternommen wird. Was nach einer Löschung noch möglich ist, beschreibt der Beitrag Wikipedia Artikel gelöscht — was nun?.
Alternativen zur selbst geschriebenen Seite
Wenn der Eigenversuch zu riskant erscheint, bleiben drei realistische Wege:
- Abwarten, bis Dritte schreiben. Der aus Wikipedia-Sicht sauberste Weg: Ein unbeteiligter Autor entdeckt Ihr Thema und schreibt den Artikel aus eigenem Antrieb. Der Nachteil ist die Ungewissheit — es kann Jahre dauern oder nie geschehen, und Sie haben keinen Einfluss auf Zeitpunkt und Inhalt.
- Delegieren an unabhängige Redakteure. Spezialisierte Redakteure prüfen zuerst ehrlich, ob Ihre Relevanz trägt, qualifizieren die Quellen, schreiben in neutraler Distanz und veröffentlichen mit der vorgeschriebenen Offenlegung des bezahlten Schreibens. Das löst den Interessenkonflikt strukturell, nimmt aber die Entscheidung der Gemeinschaft nicht vorweg: Eine Garantie auf Veröffentlichung oder dauerhaften Bestand kann kein seriöser Anbieter geben. Wie ein solches Vorgehen aussieht, beschreibt der Beitrag Wikipedia Eintrag erstellen lassen; die fachlichen Grundlagen stehen im Leitfaden Wikipedia Eintrag erstellen.
- Erst Relevanz aufbauen. Wenn die unabhängige Berichterstattung noch fehlt, ist kein Text der Welt eine Lösung — dann fehlt das Fundament. Investieren Sie in das, was Relevanz tatsächlich erzeugt: Fachbeiträge, Publikationen, Projekte, über die Medien aus eigenem Antrieb berichten. Ihre eigene Website, ein gepflegtes LinkedIn-Profil und ein Knowledge-Panel-taugliches Netz aus konsistenten Informationen decken die Sichtbarkeit ab, bis ein Wikipedia-Artikel realistisch wird.
Geht es nicht um Sie persönlich, sondern um eine andere Person — etwa eine Führungskraft, deren Biografie Sie beauftragt betreuen —, gelten dieselben Regeln in verschärfter Form; der Leitfaden Wikipedia-Eintrag erstellen für eine Person behandelt diesen Fall im Detail.
Häufig gestellte Fragen
Darf ich eine eigene Wikipedia-Seite über mich selbst erstellen?
Warum rät Wikipedia davon ab, über sich selbst zu schreiben?
Muss ich offenlegen, wenn ich bezahlt an einem Wikipedia-Artikel arbeite?
Was sind Alternativen zum selbst geschriebenen Wikipedia-Eintrag?
Weiterführend: Wikipedia Eintrag erstellen — der Grundlagenbeitrag · Wikipedia-Eintrag für eine Person · Wikipedia Relevanzkriterien · Wikipedia Eintrag erstellen lassen
